Regeln – in der Familie und im späteren Leben

Erziehungsstile sind vielfältig. Und je mehr Internetseiten oder Bücher man sich anschaut, umso vielfältiger sind die Empfehlungen, Tipps und Ratschläge, die man bekommt.

Von Anfang an habe ich immer darauf geschaut, was das Baby gerade braucht. Es zerbrach mir das Herz, wenn sie weinten und nahm sie sofort auf den Arm. Auch wenn ich sie manchmal nicht beruhigen konnte, weil ich keine Ahnung hatte, was es hat, so war ich doch da, habe ausgehalten, begleitet, überlegt, was es vielleicht doch sein könnte, nach ein paar Minuten nochmal etwas zu trinken oder zu essen angeboten, Bauch massiert und einfach alles versucht. Stillen hat oft geholfen, weil sie sich unsicher fühlten, selbst nicht wussten, was mit ihnen los war, weil sie wuchsen, wieder etwas neues konnten, Zähne einschießen oder durchkommen, zu viele Reize erlebt oder was auch immer. . . Das Stillen hat ihnen das Gefühl von Geborgenheit, Sicherheit und Nähe-Erfüllung gegeben, neben Nahrung, natürlich.

Inzwischen sind meine Mädels schon älter und die Bedürfnisse können sie meistens sehr gut äußern. Ab dem Zeitpunkt, ab dem sie probierten, ihre und unsere Grenzen zu testen und auszuweiten, habe ich auch verschiedenes ausprobiert, weil ich immer wieder den Eindruck hatte, dass nichts so richtig funktioniert. Das Zähneputzen wurde auf einmal in Frage gestellt, Süßigkeiten vor dem Fernsehen wurden jeden Tag gefordert, weil sie Ausnahmen nicht als Ausnahme verstanden, sondern es einfach jeden Tag eine Ausnahme sein sollte.

Mein Mann sagt „da waren wir wohl zu wenig konsequent, wenn es jeden Tag um die einfachsten Banalitäten Diskussionen gibt“. Ich sehe das anders, denn ich muss sagen, dass alles steht und fällt mit meiner Stimmung – hört sich jetzt irgendwie blöd an, ist aber genau so. Wenn ich den Eindruck habe, ich habe den Tag im Griff und bekomme das alles schon irgendwie hin, weil meine Gedanken und die Aufgaben, die heute anstehen, sortiert sind, dann ist es ein guter Tag. Wenn der Tag allerdings schon chaotisch beginnt, weil ich irgendwas vergessen habe oder jemand anruft und ganz dringend etwas getan werden muss, dann geht es Drunter und Drüber.

Aber berichte ich mal von einem guten Tag: – ich habe es geschafft, morgens vor den Mädels aufzustehen, mich und das Baby fertig zu machen und schon den Tisch zu decken – also mit anderen Worten, ich bin präsent, wenn sie aufwachen, dann setzen sie sich an den Tisch, essen und putzen dann halbwegs freiwillig die Zähne bzw. brauchen nur eine oder zwei Erinnerungen. Dann ist Homeschooling angesagt – zumindest bis letzte Woche war das so – und wenn ich auch die Kleine mit Aufgaben beschäftige und sie beide am Tisch bei mir sitzen, funktioniert es richtig gut. Zwischendurch Pausen ankündigen, in denen sie machen können, was sie möchten und anschließend wieder gemeinsam weitermachen, das klappt sehr gut. Mittagessen, dann wieder Zähne putzen, eventuell noch die eine oder andere Aufgabe erledigen, die morgens nicht geschafft wurde und dann entweder zusammen spielen oder rausgehen, so läuft der Tag ab.

Aber wenn ich irgendwie durchgehend abgelenkt bin, telefoniere oder das Baby mies drauf ist, dann klappt es nicht so gut, denn dann haben sie eben nicht meine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Dieses Verhalten finde ich völlig verständlich, normal und keineswegs auffällig, denn wer ist mit 6 oder 8 Jahren schon in der Lage, sich selbst durchgehend zu motivieren, konzentrieren und die Aufgaben zu erledigen, ohne sich von den Geschwistern oder Spielzeugen ablenken zu lassen? Das habe selbst ich nicht geschafft, als ich mal ein Fernstudium angefangen habe.

Ich bin nicht besonders gut im streng (oder mein Mann würde jetzt sagen konsequent) sein. Eher gebe ich öfter mal nach und das kommt mir jetzt immer öfter entgegen und ärgert mich. Aber nur in der Situation. Wenn ich dann danach drüber nachdenke, dann relativiere ich und weiß, dass sie gut in der Lage sind, Regeln einzuhalten und das, was wir als Regeln definiert haben, einzuhalten. Und ihre Aufgabe als Kinder ist es nun mal, regelmäßig Grenzen zu testen und auszuprobieren, ob sie nicht doch jetzt etwas dürfen, was vorher nicht erlaubt war. So sagte es auch die Leiterin vom Kurs „Starke Eltern – starke Kinder“, dass genau das die Aufgabe der Kinder ist und dass es völlig normal ist, dass sie diese Grenzen immer wieder in Frage stellen und ausweiten wollen.

Und ich glaube, damit haben sie eine ganz wichtige Eigenschaft, die sie auch später im Leben beibehalten sollten – finde ich zumindest. Nicht ohne Nachdenken und Hinterfragen Regeln anzunehmen sondern in Frage stellen, ob es noch Gültigkeit hat und auch jetzt noch sinnvoll ist. Zeiten ändern sich und so müssen diese Regularien auch an die geänderten Zeiten angepasst werden. Davon profitieren doch auch wir, dass es immer wieder Neues gibt.

Ich habe diese Eigenschaft auch und bin ganz bestimmt vielen meiner Chefs und Kolleginnen / Kollegen sowie auch Ansprechpartnern auf vielen Gebieten gehörig auf die Nerven gegangen. Aber auf der anderen Seite habe ich dadurch auch viele Prozesse überarbeitet, erneuert und nicht mehr sinnvolle Regularien zum Überarbeiten angeregt, wodurch sich manches verbessert hat. Bestimmt denkt man in der einen oder anderen Abteilung noch an mich zurück, weil ich veraltete Strukturen dadurch aufgebrochen habe, die schon lange nicht mehr zeitgemäß waren. Und die, die davon genervt waren, weil sie wollten, dass sich am Besten nichts verändert, die sollen doch gerne weiter in ihrem Brei schwimmen und an den veralteten Sachen festhalten. Solch ein Verhalten ist meiner Meinung nach alles andere als zeitgemäß. Und das hat uns auch vor allem Corona gezeigt. Immer wieder musste man sich anpassen an geänderte Bedingungen und daraus sind richtig viele tolle Ideen und Angebote entstanden, Ohne Kreativität und Menschen, die vorherige Regeln in Frage stellen, wäre das niemals entstanden. Und das ist doch was Gutes, oder?

Ich bin jedenfalls sehr stolz, dass die Kinder diese Eigenschaft schon jetzt übernommen haben und wünsche ihnen und mir, dass sie damit an die passenden Leute geraten, die es zu schätzen wissen, keine Mitläufer vor sich zu haben sondern welche, die den Mut haben, Dinge anzusprechen und wenn nötig, zu verändern. Wenn ich ihnen diese Eigenschaft für ihr Leben wünsche, sie beizubehalten, dann darf ich mich ganz bestimmt nicht darüber aufregen als Mutter, auch wenn es anstrengend ist. Sie sollen ja mir gegenüber auch oder gerade mir gegenüber den Mut haben, das zu verändern, was nicht sinnvoll erscheint. Und wenn es verstanden wird, warum etwas sinnvoll ist, dann nehmen sie es hin als gesetzt. Es zu erklären oder aufzuweichen, weil es eben nicht sinnvoll ist, das ist meine Aufgabe. . . Manchmal scheitere ich daran und manchmal wachse ich daran – zusammen mit meinen Kindern!

Liebe Grüße

Renate

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.